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TSV Hollstadt


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Lauf nach Santiago de Compostela
Etappe 3

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Wir sitzen im Begleitfahrzeug und befinden uns auf dem Rückweg nach  Hollstadt. Der Regen prasselt unaufhörlich auf die Windschutzscheibe. Es ist zu kalt für einen Junitag. Die Fahrt dauert nun schon 22 Stunden, die Pausen nicht mitgezählt. Drei Stunden liegen noch vor uns – „hoffentlich ist bei Frankfurt kein Stau und wir kommen gut durch“. 

25 Stunden Rückweg mit dem Auto? Sind wir diese Strecke bis ans Ende der Welt tatsächlich gelaufen? Wir können es kam glauben. Das Ende der Welt liegt nach  mittelalterlicher Weltanschauung am Kap Finisterre, 100 Kilometer westlich von Santiago de Compostela im Nordwesten Spaniens.  

Vor zwei Jahren beschlossen wir, die Laufgruppe des TSV Hollstadt, den Jakobusweg bis nach Santiago de Compostela im Nonstop-Lauf zu bewältigen. Das Vorhaben wurde auf drei Etappen aufgeteilt. Im Jahr 2005 machten wir uns auf den Weg. Ein Staffellauf über drei bis vier Tage – die Nächte mit eingeschlossen. Wir durchquerten Deutschland. Über Basel erreichten wir Ferrette in Frankreich. Ein erster Schritt war getan. Im Jahr 2006 knüpften wir am Vorjahresziel an, durchliefen Frankreich und hatten das spanische Dörfchen Bera in den Pyrenäen erreicht. In diesem Jahr folgte die letzte und interessanteste Teilstrecke entlang des Jakobusweges in Spanien.  

Kurz vor Pfingsten war es so weit. Die Läufer waren in zwei Teams aufgeteilt. Die beiden Wohnmobile, die als Begleitfahrzeuge dienten, wurden beladen. Sommerlauf in Spanien – da braucht man wenig warme Klamotten. Alle Läufer rüsteten sich mit ärmellosen Shirts, Mützen gegen die sengende südliche Sonne und Sonnenschutzmittel. Die Anfahrt verlief problemlos. Die Vorfreude und Erwartungen waren groß. Am Freitagabend kamen wir in Bera (Spanien) an. Wo war die spanische Hitze? Pünktlich mit dem ersten Läufer platschten die ersten Regentropfen  auf  die Straße – kann schon mal vorkommen, auch in Spanien.  

Das Ziel der ersten Laufstaffel war Saint Jean Pied de Port in den französischen Pyrenäen. Der Regen wurde stärker und wollte nicht aufhören. Alle Läufer waren bis auf die Haut nass. Die Dusche im Wohnmobil wurde kurzerhand zum Trockenraum umfunktioniert. Noch konnte keiner ahnen, dass sich die Trocknung über drei Tage hinziehen sollte. Kurz nach Mitternacht übernahm Team 2 das Laufen. Zum Regen kamen nun noch die Dunkelheit und der enorme Anstieg auf den Cisa Pass mit seinen 1430 Metern hinzu. Die Berge zogen die ersten Körner aus dem Körper. Lauffreude pur! Wanderkarte, Radkarte und Straßenatlas nutzten wir zur Streckenfestlegung. Der nächste Wechselpunkt wurde schnell bei jeder Staffelübergabe festgelegt – weiter ging´s.   

Der nächste Tag sollte wellig aber nicht mehr mit großen Anstiegen versehen sein. Insbesondere in den Vormittagsstunden konnten wir viele Pilger sehen. Mal liefen wir direkt mit den Pilgern, mal nutzten wir die parallel verlaufenden Nebenstraßen. Auf dem Jakobusweg scheint die ganze Welt unterwegs zu sein. Mit einigen hatten wir direkt Kontakt, unterhielten uns auf englisch oder mittels Zeichensprache. Durch Pamplona und Logrono führte uns der Weg durchs Baskenland. Berühmte Bauwerke wie die Brücke von Puente la Reina nutzten wir zum schnellen Foto Shooting.  Der Regen hatte nachgelassen. Nur noch einzelne Schauer verhinderten das Trockenen der durchweichten Laufkleidung und vor allen Dingen der durchnässten Laufschuhe. Willi wollte den Fußweg der Pilger von Puerta la Reina nach Los Arcos testen. Zunächst verlief die Strecke wellig und war mit Pfützen übersäht. Viele Pilger waren auf der Strecke. Wie auf einer Perlenkette geschnürt trotteten sie schwer bepackt in Regenkleidung auf dem Camino. Kurz vor Los Arcos versperrte eine fünf Meter breite und 30 cm tiefe Regenrinne den Weg. Der Regen der letzten Tage machte sich bemerkbar. Einfach durch – die Schuhe waren eh schon durchnässt – und weiter. Der nachfolgende, sehr steile Anstieg war knöcheltief mit Schlamm und Regenwasser gefüllt – nur mit einer Klettereinlage zu bewältigen! Wie schafften dies die überwiegend älteren Pilger? Die Laufschuhe waren voller Dreck und Schlamm. Keine Waschmöglichkeit! Willi nutzte zur Grobreinigung das durchnässte Lawendelkraut am Wegrand.

Die nächste Nachtetappe stand bevor. Das Gelände war relativ flach, wir folgten die ganze Nacht der Nationalstraße E120 und durchquerten gegen 02.00 Uhr Burgos, eine Stadt mit circa 170.000 Einwohnern. Nachdem wir nur wenige Stunden schlafen konnten, stellten sich die ersten Ermüdungserscheinungen ein. 

Am Folgetag, Pfingstsonntag, wurde der Regen nahtlos durch stürmischen Gegenwind ersetzt. Die Trikots wurden durch den Wind bereits während des Laufes fast trocken geblasen – gut so. In der Dusche der Wohnmobile war eh kein Platz mehr auf den zusätzlich angebrachten Leinen zu finden. Die Duschwanne lag voller nasser Schuhe – ein Anblick wie beim Räumungsverkauf eines Second Hand Ladens. Mit der Verpflegung hatte Team 1 an diesem Tage Pech. Die Lokale waren noch geschlossen und mangels Alternativen vertilgte man Olivenöl triefende Pizzen. Die Rache Montezoumas folgte auf dem Fuße. Dennoch wurde jede Widrigkeit mit Humor und Witz überwunden. Die Teams arbeiteten toll zusammen. Gegen Mittag erreichten wir Sahagun. Die Hälfte der Strecke war geschafft, der Wind wollte nicht aufhören. Team 1 konnte nun endlich auch ein gutes Hotel mit ansprechender Speisekarte finden um die Energiespeicher wieder aufzufüllen.  

Ein Blick in die Reiseführer verhieß eine anstrengende Nacht. Beim Anstieg zum Cruz de Ferro (1504 Meter) setzte der Regen wieder ein. Hinzu kam dichter Nebel und ein stürmischer Wind der mit jedem Höhenmeter immer eisiger wurde. Im Reiseführer wurde vor streunenden, aggressiven Hunden gewarnt. Wir hielten beinahe direkten Kontakt zum Läufer um im Notfall einzugreifen. Den berühmten Steinhaufen am Cruz de Ferro haben wir fast übersehen. Der Nebel war einfach zu dicht. Im letzten Moment erblickt, holten wir unsere mitgebrachten „Sorgensteine“ aus dem Wagen und legten sie bei gefühlten Minusgraden am Fuß des Kreuzes nieder. Die Uhr zeigte 02.30 Uhr. Mangels langärmeliger Laufausrüstung, schließlich ist es im Sommer in Spanien warm, entschieden wir und für das Zwiebelsystem. Zwei ärmellose Shirts, zwei T-Shirts und eine Windjacke bewahrten uns vor dem Erfrierungstod. Nach dem langen Anstieg ging es ca. 20 Kilometer über Serbendienen wieder ins Tal. Die Lichter der spanischen Kleinstadt Ponferrada konnte man schon von weitem sehen. Dazwischen lagen einzelne, sehenswerte Steindörfer – schade dass wir die Strecke nicht am Tag laufen konnten – ein echtes Highlight des Jakobusweges. 

Die Erholungsphase war nur kurz. Mit dem O Cebreiro (1250 Meter) und dem Alto de Pojo (1337 Meter) standen bereits am nächsten Nachmittag zwei weitere Pässe auf dem Programm. Es sollten die letzten großen Berge auf unserer Tour sein. Nun legte der Regen auch mal eine größere Pause ein. Jeder Läufer hatte in der Zwischenzeit sieben Laufeinheiten und 80 bis 90 Kilometer in den Beinen. Unser Vorrat an trockener Laufbekleidung war beinahe aufgebraucht. Die Sonne ließ sich erstmals blicken. Für uns das Startzeichen die Dusche zu lüften. An einem großen Steinhaufen breiteten wir die Klamotten und Schuhe zum Trockenen aus. Dem Klima im Duschraum tat das sehr gut.  

In der Nacht von Montag auf Dienstag erreichten wir Santiago. Kurz vor der Stadt entdeckte uns doch noch einer der angekündigten streunenden Hunde. Kurz entschlossen blendete Willi den großen, schwarzen, zotteligen Köter mit seiner stark strahlenden LED Taschenlampe worauf dieser vor Schreck pfeilschnell den Rückzug antrat. Die Uhr zeigte 01.00 Uhr als Team 2 geschlossen vor der großen Kathedrale in Santiago einlief. Zunächst wurden ein paar Nachtaufnahmen der herrlich beleuchteten Kirche gemacht, dann wurde der Weg in Richtung Kap de Finisterre fortgesetzt. Gegen 04:45 Uhr kam Team 1 zum zehnten und letzten Einsatz dieser Etappe. Durch bewaltetes Gebiet mit kleinen Ortschaften führte der Weg weiter Richtung Westen. Zum Ende der Welt sollte es nicht mehr weit sein.  

Gegen 08.00 Uhr am Morgen der letzter Staffelwechsel. Noch ca. 25 Kilometer Laufstrecke lagen vor Team 2. Kurz vor dem Ziel ein ersten Blick auf das Meer. Tanja war nicht mehr zu halten und verließ die Straße um ein paar Schritte ins Meer zu gehen. Dann schnell weiter – Team 1 wartete bereits am Ziel. Gegen 10.30 Uhr tauchte Team 2, nun gemeinsam laufend, aus dem Nebel am Anstieg zum Kap de Finisterre auf. Eiskalt lief es den Läufern und Läuferinnen den Rücken hinunter als Team 1 einen kleinen Empfang inszenierte. Zur Überraschung aller hatte Uli und Heidi T-Shirts bedrucken lassen und gemeinsam feierte man das Erreichen des großen Ziels. 

Nach einem kräftigen Mittagessen am Kap fuhren wir nach Santiago zurück. Das dortige Schwimmbad, unweit des Zentrums, nutzten wir zur kurzen Entspannung und zum ausgiebigen Duschen. Ein Kurz Trip in die Stadt erhöhte die Vorfreude auf den kommenden Tag. Das Besichtigen der Kathedrale und der Altstadt, der Besuch der Pilgermesse sowie gemütliches Kaffeetrinken und Mittagessen standen auf dem Programm.  

Am Dienstagabend trafen wir die Heimfahrt an. 2500 Kilometer Straße lagen vor uns. In Hollstadt war eine kleine Wiedersehens Party mit den Familien geplant – alle freuten sich darauf! 

Bei Frankfurt sind wir gut durchgekommen. Über die Rhön führt uns der letzte Teil der langen Reise zurück nach Hollstadt. Dabei fällt uns auf, dass viele Abschnitte in Spanien mit unserer Heimat vergleichbar sind. Berge mit kurvenreichen Straßen, kleine Dörfer die herrlich in die Landschaft eingebettet sind – ein schönes Fleckchen Erde. Der große Unterschied zu Spanien – in der Rhön scheint die Sonne! 

 

Vor der Kathedrale in Santiago de Compostela

 

Kap de Finisterre mit dem Kilometerstein 0,00!

 

 

 

 
 

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